Zurück02. Oktober 2009: „Nur wenn alle mitmachen, wird uns der Schritt in die nachhaltige Energiewirtschaft gelingen“
Interview mit Dr. Martin Baumert, Geschäftsführer der NaturWatt GmbH
Oldenburg, Oktober 2009. Umfrageergebnissen zufolge ist mindestens die Hälfte der Bevölkerung gegen Kernenergie und fast 90 Prozent für die erneuerbaren Energien. Tatsächlich auf Grünstrom umgestiegen sind allerdings bislang nur vier Prozent. Dr. Martin Baumert, Geschäftsführer der NaturWatt GmbH, macht deutlich, dass der Umstieg auf Ökostrom nur eine Maßnahme von vielen ist, das Klima zu schützen.
Frage: Das Klimaprogramm der Bundesregierung sieht vor, den Anteil regenerativer Quellen an der deutschen Stromerzeugung bis 2020 massiv auszubauen. Experten bezweifeln, dass die Ziele erreicht werden können, Umweltverbänden gehen sie noch nicht weit genug. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Baumert: Es ist in der Tat ein ehrgeiziges Vorhaben, denn wir planen damit einen tiefgreifenden Umbau unseres Energiesystems, der dringend erforderlich ist. Nicht nur aus den Gründen des Umweltschutzes. Sondern wir müssen uns auch darauf einstellen, dass immer mehr Menschen auf dieser Welt nach immer mehr Energie verlangen. Konsequenterweise heißt das, wir müssen einerseits die knapper und teurer werdenden Reserven an konventioneller Energie sehr viel effizienter nutzen als bisher. Dahinter steht mehr als eine technische Fragestellung - wir werden uns sicherlich auch in unserem Verbrauchsverhalten ändern müssen. Weiterhin muss es uns gelingen, die erneuerbaren Energien auch in den relevanten Größenordnungen in unseren Energiemix einzubeziehen.
Frage: Fossile und nukleare Energie steht nur begrenzt zur Verfügung. Wie sieht es bei den Erneuerbaren aus?
Baumert: Theoretisch stehen sie unbegrenzt zur Verfügung, aber ihre faktische Verfügbarkeit hängt natürlich von Wind, Wetter und Ernten ab. Es ist daher gar nicht so leicht, sie in unser bisheriges Energiesystem einzubetten. Unsere bestehende Infrastruktur ist nicht auf einen hohen Anteil dargebotsabhängiger, also nicht bedarfsgerecht bereitstehender, Energien eingestellt. Dafür brauchen wir Speicher und intelligente Steuer- und Schnittstellen zwischen energieerzeugenden und energieverbrauchenden Geräten. Da ist noch sehr viel Entwicklungsarbeit und so mancher Kraftakt nötig. Übrigens: Wir brauchen dafür jeden Einzelnen. Nur wenn alle mitmachen - Verbraucher und Erzeuger - wird uns der Schritt in die nachhaltige Energiewirtschaft gelingen.
Frage: Bislang umgestiegen sind aber erst vier Prozent. Woran liegt das?
Baumert: Die Angebote sind da, es ist nicht mal eine Preisfrage. Es ist eine Frage der Aktivität und der gefühlten Eigenverantwortung. Viele ordnen die Verantwortung für die Energieversorgung offenbar immer noch in erster Linie der Politik zu und verkennen ihre eigene Macht, die zweifellos vorhanden ist. Das bedauere ich sehr, weil die erneuerbaren Energien stark von der Nachfrage und damit von der Unterstützung durch die Energiekunden abhängen.
Frage: Wie kann man die Menschen denn grundsätzlich dazu bewegen, das Klima zu schützen? Sei es durch Ökostrom oder durch andere Maßnahmen.
Baumert: Indem man den Menschen erklärt, wie wertvoll ein gesundes Klima ist und ihnen zeigt, wie attraktiv und teilweise auch wie einfach es ist, es zu schützen. Allerdings muss man den Erkenntnissen auch Taten folgen lassen. Denn der Klimaschutz ist und bleibt ein Thema zum Mitmachen. Am Ende sind es viele kleine Bausteine im persönlichen Verhalten, die für wirksamen Klimaschutz sorgen. Der Umstieg auf Grünstrom ist nur ein Schritt - wenn auch ein sehr entscheidender.
Frage: Müssen darüber hinaus Maßnahmen getroffen werden? Müssen die Deutschen ihr Auto stehen lassen, dürfen sie nicht mehr nach Thailand in den Urlaub fliegen und nur noch Produkte kaufen, die vor Ort produziert werden?
Baumert: Wir leben in einer globalen Gesellschaft und werden nicht darauf verzichten können und wollen, mobil zu sein. Die Frage ist, ob man auf eine andere Art und Weise mobil sein kann. Wir können unseren Konsum heute insgesamt sehr viel bewusster und intelligenter gestalten, als dies früher der Fall war. Das ist toll und macht Spaß. Am Ende muss es uns aber auch gelingen, unsere CO2-Bilanz auf ein für die Welt erträgliches Maß zu reduzieren. Wir müssen von durchschnittlich zehn Tonnen pro Kopf in Deutschland auf vier Tonnen herunter. Das bedeutet nicht notwendigerweise nur Verzicht, aber eine klare Aufforderung zur Verantwortungsübernahme für den Einzelnen. Wir helfen dabei gerne. Mit unserem online-Stromcheck beispielsweise können Privathaushalte ihren individuellen Stromverbrauch vergleichen und erfahren, wo und wie sie ihren Verbrauch und damit ihre Kosten senken können.
Vielen Dank für das Gespräch.
Über die NaturWatt GmbH
Die NaturWatt GmbH wurde 1998 als erster norddeutscher Ökostromanbieter gegründet und handelt ausschließlich mit Energie aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft. Seine Gewinne investiert das Unternehmen in Ausbau und Förderung erneuerbarer Energien. Gesellschafter sind die mehrheitlich in kommunaler Hand befindlichen Energieversorger EWE AG (90%), Stadtwerke Emden (5%) und Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden (5%).